„Hörst du mich wieder? Hallo? Hallo?“

Ein Großteil meiner Reisen absolviere ich seit vielen Jahren mit der Bahn, nicht erst seit der Diskussion um mehr klimafreundliches Reisen. Für mich ist die Bahnfahrt in vielen Fällen praktischer, bequemer und produktiver. Ich fahre lieber fünf Stunden mit der Bahn als vier mit dem Auto und rechne gerne in „effektiver Fahrtzeit“. Wenn ich es im ICE schaffe, wie gestern auf der Fahrt von Dortmund nach München, fünf Stunden konzentriert zu arbeiten, war mein Weg von zu Hause nach München (inkl. der Fahrt nach Dortmund, etwas Warten bei Umstiegen etc.) nur etwa zwei Stunden lang – getreu dem Motto der Bahn „Diese Zeit gehört dir“ und schneller als jede Autofahrt.

Natürlich klappt dies nicht immer und nicht jede Verbindung, gerade mit längeren Strecken in Regionalzügen, eignet sich für eine produktive Arbeit. Außerdem gibt es häufig Probleme, Herausforderungen und nervige Situationen beim Bahnfahren. Meine Grundstellung ist allerdings weiterhin positiv. Diesen Blogartikel möchte ich nutzen, um unterschiedliche Facetten des (primär in Deutschland) zu beleuchten und anzuregen, was zu tun ist, damit unsere Verkehrswende wirklich funktioniert.

Bahnfahren als Vielfahrer

Ich fahre nicht jeden Tag zur Arbeit mit dem Zug, bin also kein typischer Pendler. Ich nutze die Bahn vor allem für Geschäftsreisen für in der Regel weiter entfernte Termine und lerne hierbei Deutschland, die Städte und die jeweiligen Bahnhöfe kennen.

Mit der Zeit lernt man sich auf die Situationen an verschiedenen Bahnhöfen einzustellen. Zum Beispiel kann es bei knapper Zeit für den Umstieg an Bahnhöfen, die als Kopfbahnhof gelten (Wechsel der Gleise nur an einer Seite, nicht zwischendrin mit Auf- und Abgängen), sinnvoll sein, sich schon zuvor im Zug in die entsprechende Richtung zu bewegen. Hierzu zählen zum Beispiel München Hauptbahnhof, Frankfurt Main Hauptbahnhof oder Stuttgart Hauptbahnhof (zumindest bis es, irgendwann mal, Stuttgart21 gibt).

Als BahnCard-Besitzer und Person, die im Jahr mehr als 2.000 Euro für Bahntickets ausgibt, erhält man eine BahnCard-Comfort und damit die Möglichkeit an gewissen Bahnhöfen die DB-Lounges zu nutzen. Eine tolle Einrichtung mit freien Getränken, (i.d.R.) sauberen Toiletten, kostenlosem W-LAN und der Möglichkeit sich (i.d.R.) in Ruhe hinzusetzen. Mittlerweile sind diese DB-Lounges allerdings auch schon sehr voll, 2.000 Euro kann man, gerade wenn man keine Sparpreise bucht, schnell für Bahntickets ausgeben.

Bei mir hat es in den letzten zwei Jahren aufgrund der Vielzahl an Reisen (oft jedoch mit sehr früh gebuchten Sparpreisen) knapp für eine solche Karte gereicht. Hiermit habe ich auch die Möglichkeit im ICE auf gewisse Sitzplatzkontingente für BahnComfort-Fahrer auszuweichen. Dies ist jedoch nicht immer einfach, da diese Plätze sehr häufig besetzt sind und man eben nicht weiß, ob die Person, die bereits dort sitzt, auch ein BahnComfort-Kunde ist. Letztendlich buche ich für meine Fahrten in der Regel einen festen Sitzplatz, eben um sichergehen zu können, dass die Zeit in der Bahn auch zu meiner Zeit machen kann.

Kombination von Fahrwegen und Mitteln

Als Vielfahrer und Fahrer zu Zielen innerhalb Deutschlands eignet sich immer mal wieder ein Blick auf die aktuellen Streckennetz-Pläne der Deutschen Bahn. Hier erfährt man schnell, welche Verbindungen existieren und von welchen Zügen befahren werden. Oft kann man durch die Wahl eines anderen Ausgangsbahnhof für seine Reise (wohin man dann mit dem Auto unterwegs ist) seine Reise verbessern (mit weniger Umstiegen ans Ziel kommen) oder beschleunigen (da gewisse ICE-Linien nur an gewissen Orten verkehren).

Für mich könnte es zum Beispiel auch sinnvoll sein aus dem Sauerland mit dem Auto zum Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe zu fahren und dann nur 3,5 Stunden nach München in einem ICE zu sitzen und nicht, wie von Dortmund aus, etwa 6 Stunden. Besonders interessant können diese Informationen sein, wenn man an bestimmten Tagen unbedingt noch (irgendwie und irgendwann) nach Hause kommen muss / möchte.

Einen aktuellen Blick auf die Streckenpläne findet ihr hier: https://www.bahn.de/p/view/service/fahrplaene/streckennetz.shtml

Smartphone, Laptop und Internet

Da ich wie gesagt die Bahn auch als Büro nutze, möchte ich dort gerne auch mit meinen Geräten erreichbar sein bzw. kommunizieren können. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden: Wenn ich mit der Bahn unterwegs bin, bin ich telefonisch nicht erreichbar.

Hin und wieder habe ich Glück und kann ein Telefonat zu Ende bringen, in der Regel klappt es aber nicht. So wie bei meinem Sitznachbarn heute Abend, der gerade seiner Mitarbeiterin erklärte wie die Powerpoint-Folien für morgen anzupassen sind. Irgendwann hörte ich: „Hörst du mich wieder? Hallo? Hallo?“ Eine ganz normale Situation in Zügen in Deutschland. Telefonieren ist schwierig, genauso wie die Verfügbarkeit von (mobilem) Internet.

Das W-LAN der Deutschen Bahn ist wirklich selten sinnvoll und produktiv zu gebrauchen. Mit produktiv meine ich hier bereits das einfache Senden von E-Mails (ob mit oder ohne Anhängen), oft ist das mobile Internet von meinem Smartphone etwas besser, wenngleich auch dies keine besondere Freude bereitet.

Mit der DB-Navigator-App kann man in der Regel recht unkompliziert seine Verbindungen aufrufen, Alternativvorschläge bei Verspätungen bekommen und seine Tickets und BahnCards mit einem QR-Code abrufbar machen. Dies klappt seit einiger Zeit recht problemlos und hat sich in den letzten Jahren wirklich verbessert. In vielen ICEs kann man jetzt per „Komfort-Check-In“ (Button-Klick auf dem Smartphone) einchecken und braucht das Ticket gar nicht mehr zu zeigen, sehr bequem.

Ich verstehe jedoch nicht, wieso ich für weitere Dienste wie für die Anmietung von Fahrrädern, Autos oder dem Parken auf Bahn-Parkplätzen wiederum einzelne Apps brauche. Vermutlich sind alle Dienste, und damit auch die Apps, nach und nach entstanden. Dies muss aber besser werden, wenn man Mobilität neu definieren und durch möglichst viele einfach und unkompliziert erfahrbar machen möchte. Aber keine Sorge, es gibt diese Seite „Unsere Apps für Ihre Reise“ – wieso nicht nur eine ☹ https://www.bahn.de/p/view/service/mobile/index.shtml

Datenbank-Chaos

Irgendwann habe ich mal Wirtschaftsinformatik studiert und lebe dieses Thema der Optimierung von Prozessen oder der Arbeit mit Datenbanken in unserem Verein oder auch bei meiner Selbstständigkeit. Beim Zugfahren frage ich mich immer wieder, wie viele Datenbanken es mit den „identischen“ Informationen wirklich gibt? Anzeigen auf der Website sind oft, aber nicht immer, identisch mit den Angaben in der App. Informationen am Bahnsteig (in den blauen Kästen mit der Anzeige der Züge), sind oft anders. Konkret konnte mir weder die App noch die Website bei meiner letzten Reise das Gleis eines meiner Züge sagen. Am Bahnhof selbst wurde der Zug aber an einem Bahnsteig angezeigt. Wie passt dies zusammen? Ich möchte es eigentlich nicht wissen welche Informationen die Zugbegleiter auf ihren mobilen Geräten bzw. die Mitarbeiter in einem DB Reisezentrum angezeigt bekommen.

Mich beschäftigt dieses Thema zum einen mit meinem Hintergrund als Wirtschaftsinformatiker („Wie kann das sein?“) und zum anderen als jemand, der versucht sich jemanden vorzustellen, der zum ersten Mal mit der Bahn fahren soll („Wo bekomme ich meine Informationen?“) oder wenn ich mehr möchte, als nur Bahn zu fahren (siehe Thema Apps zuvor).

Verspätungen

Eigentlich möchte ich auf das Thema Verspätungen nicht allzu lange eingehen. Ärgerlich sind sie immer, da wir uns (gerade als Deutsche) gerne auf Abfahrtszeiten von 15:51 oder 10:06 einstellen möchten. Zu diesem Thema empfehle ich immer wieder gerne den Handelsblatt-Artikel über die Bahn in Japan, ich zitiere einen Satz aus dem Artikel: „Das Wort „Pünktlichkeit“ kommt im Jahresbericht [der Japanischen Bahn] kein einziges Mal vor“ – es ist schlicht nicht notwendig darüber zu sprechen. Hier geht’s zum vollständigen Artikel: https://orange.handelsblatt.com/artikel/52264

Von pünktlichen Zügen sind wir wirklich weit entfernt. Auf meinen Reisen habe ich verhältnismäßig oft „Glück“, aber alleine die Tatsache, dass ich dies als „Glück“ bezeichnen muss sagt schon alles. Züge sind verspätet, fallen aus, starten schon an ihrem Startbahnhof nicht rechtzeitig. Schuld an den Verspätungen sind meiner Meinung nach neben einer nicht ausreichenden Infrastruktur, z.B. nicht genügend Gleise für den Fernverkehr oder veraltete Technik, die aktuelle Auslastung der Züge (siehe gleich), menschliche Einflüsse und Wetterverhältnisse.

Wie sagt man so schön: Die Bahn hat vier natürliche Feinde, Frühling, Sommer, Herbst und Winter (siehe auch: https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Bahn-bereitet-sich-auf-den-Winter-vor-doch-genuegt-die-Infrastruktur-id56106251.html). Der Klimawandel wird uns weitere extreme Wettereignisse, wie z.B. heftige Stürme bringen, oder sehr heiße Sommertage, die Schienen extrem erhitzen / verformen könnten. Nicht umsonst testet die Bahn in der Schweiz weiße Bahnschienen (siehe: https://www.suedkurier.de/ueberregional/panorama/Ungewoehnliche-Aktion-Schweizer-Bahn-wappnet-sich-mit-weissen-Gleisen-gegen-die-Mega-Hitze;art409965,10224725).

Menschliche Einflüsse gehören leider ebenfalls zu Verspätungen oder Ausfällen. Dies kann durch einfaches Gedrängel an den Bahnsteigen (hier haben wir auch keine „Ordnung“ und definierte Positionen von Türen für den Ein- oder Ausstieg wie in anderen Ländern) oder durch die Motivation von einzelnen Personen, sich vor die Züge zu schmeißen, passieren.

Bahnfahren kann kompliziert sein

Nimmt man vieles von dem, was ich zuvor geschrieben habe, zusammen muss man sagen, dass Bahnfahren echt kompliziert sein kann. Dazu gehören für mich folgende „Kleinigkeiten“:

  • Fehlende Informationen über Abfahrtsgleise
  • Defekte Türen in Zügen (wodurch mehr Personen durch weniger Türen ein- und aussteigen müssen => Verspätungen)
  • Einfahrt eines ICEs in der falschen Wagenreihung (alle Personen bewegen sich am Bahnsteig von A nach G oder umgekehrt => Verspätungen)
  • Ausfall oder falsche Anzeige von Reservierungen in Zügen (Unruhe im Abteil, Diskussionen unter Passagieren)
  • Kein warmes Essen oder keine Getränke mehr im Boardrestaurant, gerade bei längeren Fahrten, Verspätungen oder langen Wartezeiten kann dies ein Problem sein

Viele dieser und weiterer Aspekte sind für mich, als jemanden der häufig Bahn fährt, bekannt und ich kann mich damit arrangieren. Arrangieren bedeutet für mich sehr häufig: Blick in die App und eine neue Option zu finden und sehr flexibel meine Reise umzuplanen. Gerade für ältere Mitmenschen ohne große Bahn-Erfahrung stelle ich mir die vielen Probleme der Bahn aber als Herausforderung vor. Wie finde ich das richtige Gleis? Was ist, wenn mein Zug von einem anderen Gleis fährt? Was ist, wenn ich einen Zug aufgrund einer Verspätung verpasse? Wer hilft mir, wenn mein letzter Anschlusszug für den Tag weg ist?

Ein kurzer Blick ins Ausland

Meine Erfahrungen mit Zügen im Ausland beschränken sich neben zahlreichen U-Bahnfahrten in (vor allem asiatischen) Metropolen auf das EU-Ausland in Dänemark, den Niederlanden, Österreich und Ungarn. In allen anderen EU-Ländern hatte ich den Eindruck, dass die Züge insgesamt weniger verspätet unterwegs waren. Dies kann aber auch an meinen zeitlich nur begrenzen Fahrten liegen. Bei einzelnen Aspekten sind uns die anderen Länder dennoch voraus, wie zwei kleine Beispiele zeigen:

  • In Rotterdam in den Niederlanden bekommt man Zugang zur Bahnstation mit den Gleisen nur mit einem gültigen Ticket. Dies ist übrigens in viele asiatischen Metropolen bei der U-Bahn ebenfalls der Fall und löst oft den Fall des Fahrens ohne Ticket.
  • In Österreich und den Niederlanden gibt es digitale Wagenstandanzeiger. Ein Wagenstandanzeiger zeigt an, an welcher Stelle an einem Gleis (A, B, C …) ein Waggon steht, sodass man sich vor Abfahrt bereits entsprechend positionieren kann. In Deutschland hängen an den Gleisen diese Informationen in Papierform mit dem schönen Hinweis „Aktuelle Informationen in der App“ (wenn sie denn funktioniert…).

Was wir brauchen

Für mich steht fest: Unsere Züge in Deutschland sind voll, so gut wie ausgebucht. Dies gilt für Regionalzüge genauso wie für Züge im Fernverkehr. Das Ziel, mehr Fahrgäste auf die Bahn zu bringen, ist mit Blick auf klimafreundliches Reisen löblich, wenngleich bei der aktuellen Auslastung und den aktuellen Problemen höchst ambitioniert.

Wir brauchen daher mehr und zielgerichtetere Investitionen in unsere (Bahn-)Infrastruktur. Dazu gehören für mich in einem Wunschkonzert folgende Punkte:

  • Im Netzplan sollten wir weitere Lücken schließen, sodass das Bahnfahren innerhalb Deutschlands für möglichst viele Personen attraktiv wird.
  • Wir brauchen mehr Gleise. Anders werden wir deutlich mehr Fahrgäste mit deutlich mehr Zügen wohl nicht realistisch und in Zeit transportieren können. Die Idee von einzelnen Fahrstrecken für Fernverkehrszügen oder Güterzügen wäre eine Idee.
  • Investitionen in Digitalisierung der Infrastruktur-Angebote, d.h. kein Datenbank-Chaos, und eine einheitliche Mobilitätslösung, d.h. kein App-Chaos, sodass es einfach ist und Spaß machen kann mit Auto, Bahn, Fahrrad und Car-Sharing zu reisen.
  • Ausbau der Infrastruktur für mobiles Internet, mitunter zum Teil durch verbesserte Technik innerhalb der Züge und durch eine wirkliche Flächenabdeckung beim Mobilfunk mit mindestens 4G für sinnvolles, mobiles Arbeiten. 
  • Gedanken zur Wiedereinführung von Nachzugverbindungen der Deutschen Bahn, in Verbindung mit vorhandenen Angeboten aus dem Ausland. Dies könnte das Reisen mit der Bahn innerhalb Deutschlands anstelle von „früh morgens hin spät abends zurück-Flügen“ attraktiver machen und zugleich das Netzangebot für das Zugangebot innerhalb Europas stärken.
  • Attraktive Angebote für Vielfahrer und Berufstätige, z.B. durch einen „Fitness-Waggon“ einen „Co-Workingspace-Waggon“, Ideen dazu gibt es bereits: https://www.deutschebahn.com/de/presse/suche_Medienpakete/medienpaket_ideenzug-1203902

Für mich zeigen meine eigenen Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema, dass wir jetzt weitere und große Investitionen in unsere Mobilitätsinfrastruktur benötigen. Damit meine ich: Zusätzliche Investitionen, um die angesprochenen Baustellen in den Griff zu bekommen, und nicht nur die Investitionen zum Erhalt unserer aktuell vorhandenen Infrastruktur. Eine Idee, um einige der Baustellen (gerade aus dem Bereich Verspätungen, IT etc.) in den Griff zu bekommen ist der Deutschland-Takt (siehe: https://www.allianz-pro-schiene.de/glossar/deutschland-takt/), es bleibt abzuwarten, ob diese ambitionierten Ziele bis in zehn Jahren tatsächlich erreicht werden können.

Ich würde mir wünschen, wenn viele Ideen und Investitionen rund um unsere Bahn in Deutschland erfolgreich sind. Sie können dazu beitragen das Klima zu schonen, bequemer, praktischer, effizienter und entspannter zu reisen. Gerne würde ich nicht nur Zeit in Deutschland, sondern auch in Europa im Zug verbringen und oft sagen können: Diese Zeit gehört mir und nicht dem Stau auf der Autobahn.