Die Perspektive entscheidet

Manchmal ist es schon unglaublich, dass man für neue Eindrücke gar nicht weit reisen muss. Manchmal denkt man, dass man neue Perspektiven vor allem in anderen Kulturkreisen entwickelt, d.h. mit Reisen nach Amerika, Afrika oder Asien. Gerade sitze ich in einem Hotel in Aarhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark, nach wenigen Tagen Urlaub in Kopenhagen und vor einem internationalen Roboterwettbewerb, welcher am kommenden Wochenende in Aarhus stattfindet.

In den letzten Jahren war ich beruflich schon häufiger in Dänemark, aber auf dieser Reise habe ich mich immer öfter gefragt: Was ist eigentlich los mit uns in Deutschland? Verlieren wir nicht den Anschluss? Bei den ganz einfachen und alltäglichen Dingen? Diesmal ging meine Reise mit dem Zug aus dem Sauerland über Hamburg bis nach Kopenhagen.
Erster Punkt – das mobile Internet. Seit der Grenze zu Dänemark habe ich durchgehend 4G / LTE – Netz, ob im Zug, Bus, sogar im Tunnel, der Malmö mit Kopenhagen verbindet. Eben habe ich noch mit dem Handynetz Computer gespielt. In Deutschland? In den letzten Jahren bin ich viel unterwegs gewesen und habe mir angewöhnt bei einer längeren Zugreise von einem „Tag nicht erreichbar“ zu sprechen. Telefonieren ist leider oft nicht möglich oder Telefonate werden durch „Ich bin im Zug“ unterbrochen.

Mit der neuen Entscheidung für den Ausbau mehrerer 5G-Netze durch verschiedene Anbieter (kein National-Roaming) wird das sicherlich nicht besser. Dabei benötigen wir eine flächendeckende Internetversorgung dringend, für den aktuellen und zukünftigen Verkehr, für das mobile Büro oder einfach: zum Telefonieren.

Zweiter Punkt – Mobilität. In der Hauptstadt Dänemarks, einer Stadt mit über 600.000 Einwohnern, war ich überrascht, wie ruhig und dennoch vielfältig alle Menschen unterwegs waren. Klar, Autos, Züge, Metro, Busse, aber auch und vor allem Fahrräder und E-Scooter waren zu sehen. Sowohl Fahrräder als auch E-Scooter können einfach über verschiedene Apps (ok, hier wäre ein Anbieter, anstatt ein App-Sammelsorium wünschenswert!) für gute Preise gebucht werden. Damit klappt es aber auch so gut, weil für Fahrräder & E-Scooter eine konsequente Breite spur auf der Fahrbahn eingeräumt wird. Eine Spur, die von der Höhe sowohl vom Fußgängerüberweg als auch von der Fahrbahn abgetrennt ist. Vor dem Kopenhagener-Hotel in Bahnhofsnähe gab es daher nur eine Fahrbahn pro Richtung für Autos, je nachdem noch eine Extra-Spur für Busse. Ich weiß, dass in einzelnen großen deutschen Städten Experimente in diese Richtungen laufen und ich hoffe, dass wir uns, z.B. im Bereich der E-Scooter, nicht zu viel typisch deutsche Bürokratie auferlegen. Dabei benötigen wir sehr dringend eine Veränderung unseres Mobilitätsbewusstseins. Nicht nur, aber auch wegen des Klimawandels, aber auch weil unsere Städte und Straßen immer voller werden und wir wieder lernen müssen, wann es auch reicht zu Fuß zu gehen oder mit Rad / Scooter zu fahren.

Dritter Punkt – Zahlung & Buchungen: Heute, an Tag fünf unserer Reise, hat mein Kollege hier zum ersten Mal mit Bargeld bezahlt, da ein kleiner Eisladen keine Kreditkarte angenommen hat. Bisher konnten wir alles, vom Essen, Supermarkt-Einkauf bis zum Toilettengang bargeldlos durch Auflegen der Kreditkarte zahlen. Es ist bequem und geht schneller. Unsere Kopenhagen-Tourismus-Card buchten wir bequem per App und konnten überall unseren QR-Code der App vorzeigen (auf der Seite der Berlin WelcomeCard lese ich gerade „Bestellen Sie jetzt die Berlin WelcomeCard als Online-Ticket. DRUCKEN SIE DAS TICKET BEQUEM ZU HAUSE AUS und nutzen Sie es direkt bei Ihrer Ankunft in Berlin“ – meine Güte, wie umständlich). Im Zug nutzt der Schaffer einfach ein Smartphone ein und scannt QR-Codes der Bahntickets in Sekundenschnelle (ich denke viele kennen diese klobigen Geräte unserer DB-Schaffer, die erstmal laden, sich dann mit dem Internet verbinden müssen und manchmal noch nach der BahnCard fragen?). Bargeldloses Zahlen kommt bei uns immer mehr und benötigt natürlich auch die Akzeptanz von denjenigen, die es nutzen sollen – uns allen. Aber alles in allem, ist es vieles einfach unkomplizierter und angenehmer.

Wieso schreibe ich das auf? Weil es mich einfach mit jeder Reise weiter ärgert, wie sehr wir „hinten dran sind“. Wir, damit meine ich Deutschland, eines der reichsten Länder der Welt, welches weltweit auch noch für eine Ingenieurskunst und Innovationen gelobt wird (wohl nur von welchen, die sich die Digitalisierung in Deutschland noch nicht angeschaut haben). Nochmal: Ich sitze in Dänemark und nicht in China. Unserem Nachbarland, einem EU-Land, welches sich genauso wie wir an viele Regelungen und Vereinbarungen halten muss.

Bei vielen der zuvor genannten Punkten gibt es weitere Aspekte zu bedenken (z.B. Sicherheit/Datenschutz beim Bezahlen oder bei der Nutzung von E-Scooter), aber hey – ich sitze gerade in Dänemark (einem EU-Nachbar) und nicht in China – die Perspektive entscheidet!

Es ist möglich, wenn wir endlich anfangen groß zu denken. Dafür brauchen wir aber Politiker mit Vision, die vorangehen und für die nicht nur die nächste Wahl entscheidend ist und eine Gesellschaft, die akzeptiert, anstatt sofort den nächsten Shitstorm-Tweet bei einer etwas utopischen Idee absetzt. Auf geht’s – wir haben keine Zeit mehr.